Aralsee 1.0

IMG_2068 IMG_2058

Dass der Aralsee, ehemals einer der größten Binnenseen der Welt am vertrocknen ist, weiß heute jedes Kind. Woran das wirklich liegt? Natürlich mit hoher Wahrscheinlichkeit am Menschen selbst. Es konnte aber auch wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass bereits in der Nacheiszeit starke Schwankungen des Wasserspiegels stattgefunden haben. Auch liegt der Aralsee inmitten einer trockenen Steppenlandschaft. Was auch immer die wahren Ursachen dafür sind, so leidet heute am meisten der Mensch und die Natur darunter. Sogar ähnlich der Folgen der Tschernobylkatastrophe in der heutigen Ukraine! Dazu mehr, ein paar Absätze später.

official LOGO

Kaum zu glauben, dass es hier in den 50er und 60er Jahren Badeorte, Hotels und Fischereien gab. (Autonome Republik Karakalpakstan) Heute liegen diese Orte in 100 km Entfernung zum stark salzig und vergifteten Uferwasser. Es sollen noch alte Hotelbauten aus der goldenen Zeit des „Venedig des Orients“ zu besichtigen sein, dort wo es damals noch lebensfreundliches Brackwasser gegeben hat und sich Mensch und Fisch wohlfühlten.
Später jedoch kamen ganze Industriezweige durch die Verdürrung ins Wanken und schließlich ganz zu Fall. Armut sind bis jetzt die Folgen. Stellt man sich einmal den Aralsee von oben als Tatzenabdruck eines Tieres im Sand vor, so sieht man lediglich auf Satellitenbildern die mittleren „Zehen“ und kleine schmale Teile an der rechten Seite des Reliefs sichtbar mit Wasser gefüllt.

official LOGO
Vor Ort:
Befindet man sich zur Besichtigung am ehemaligen Ufer in Moʻynoq in Usbekistan am Aralseedenkmal, erinnern ein paar eindrucksvolle Schiffsswracks an die Zeit der guten Tage. Interessanterweise sind die Wracks frei zugänglich und für jeden Freak auch von innen anzusehen. Leider sind die Details der Stahlkolosse zerstört. Dennoch ein Abenteuer, auf den Geisterschiffen herum zu klettern und im toten Organismus auf dem Seeboden umher zu irren.
Wasser lässt sich, gleich einer Fata Morgana, am Horizont erahnen. Auch weiße Bereiche der Salzablagerungen sind stellenweise in der Ferne zu sehen. Der Untergrund im großen und tiefer liegenden „Sandkasten“scheint zumeist feinsandig hell zu sein. Ein gegensätzlicheres Szenario von Schiffen in einer Wüste gibt es wohl nur selten anderswo. Die Temperatur im Sommer ist klimazonenbedingt sehr heiß und irgendwie ganz passend zur Situation. Die Winter können aber auch im Kontinentalklimabereich recht kalt mit Schneefall einhergehen.

IMG_2067 IMG_2047

official LOGO

Grob erklärt:
Durch künstliche Bewässerung der riesigen Baumwollfelder in Usbekistan und Kasachstan wurden den Hauptzuflüssen Amudarja (südlich über Usbekistan einfließend) und Syrdarja (östlich über Kasachstan einfließend) im Laufe der Zeit immer mehr Wasser entzogen. Dementsprechend sank der Seespiegel ab, das Salzgehalt schnellte aufgrund fehlenden Wassers auf ein 4-faches in die Höhe, mehr als doppelt so hoch wie in einem Ozean! Alle Brackwassertiere, die gegenüber eines derartigen % – wertes nicht tolerant genug waren, starben fast alle aus. Der industrielle Zerfall und alle daraus resultierenden sozialen Folgen begannen.
Auch durch größenwahnsinnige Projekte wie dem „Karakum Kanal“ wurde ein Zufluss weitgehend verhindert. So wurde dem Amudarja Fluss vor dem Aralsee ein Großteil des Wassers, allein hier 40 %, in Usbekistan abgeleitet, weil ein Kanal bis nach Turkmenistan Wasser in das Ödland für weitere Felder führen sollte. Das Sinnlose an der Sache war nur, dass ein Großteil vom dringend benötigten Flusswasser schlicht im Sand versank, weil in vielen Teilen des Kanals auf „Sickerwasserschutz“ weder anscheinend viel Geld noch viel Arbeit investiert wurde. Ein großer Teil versickerte somit einfach in den Boden.
Das ist nur eines der Beispiele. Auch wurden beinahe Versuche unternommen, wie man mit einer Atombombe Wasser in den Aralsee zurückbekommt oder wie ganze sibirische Flusssysteme umgeleitet werden sollten, um den See wieder zu füllen. Pläne, die zum Teil bis in die Zarenzeit zurückreichen. (zumindest das Umleiten der Sibirienflüsse sind natürlich unabhängig von der Katastrophe)
Wer alles verstehen möchte, muss sich lang mit der Thematik auseinandersetzen. Es gibt da noch so einiges Interessantes mehr, würde aber den Rahmen und Sinn dieses „Blogberichtes“ sprengen.

1152090_t1w747h560q80s1v12349_cli_AralSea0901

Foto: NASA

official LOGO

Gesundheitsschäden:
So sind nicht nur viele Wasser- und Landtierarten verschwunden, sondern auch Menschen, die die übelsten Krankheiten bekamen, die man sich vorstellen kann.
Die Baumwollfelder wurden zu Sowjetzeiten kräftig und über eine lange Zeit mit Herbiziten, Pestiziten und Düngemittel besprüht. (was noch heute in der EU stattfindet!) Dazu kamen auch Biowaffentest der Armee auf der ehemaligen „Insel der Wiedergeburt“. Schwermetalle durch alte Industriebrachen haben sich bis ins Grundwasser abgelagert.
Durch die trockenen Böden in und um den Aralsee weht nun mit Hilfe des Windes und der Stürme ein ganzer Chemiecocktail (Aerosol) durch die Luft. So wurden laut „wikipedia.org“ Pestizite im Blut von Pinguinen sogar noch in der Antarktis nachgewiesen, die in der Aralseeregion zum Einsatz kamen. Leider befindet sich der Großraum des Unglücksortes ausgerechnet noch in einer kontinentalverbindenden Windströmungslinie. Viel schlimmer erwischte es jedoch die zum Teil bitter armer Menschen. Durch das Einatmen des liegen gebliebenen Salzes und Chemieaerosole in der Luft begannen die schwerwiegenden Erkrankungen in einer Region der Welt, in der das Gesundheitssystem nicht das Beste zu sein scheint. Anenzephalie, Tuberkolose und andere Erkrankungen der Lunge, Magen/ Darm Erkrankungen, Hepatitis, Krebs, Cholera, Pest, Gendefekte, Kieferspalten, Augenentzündungen, Allergien, Überdurchschnittliche hohe Kindersterblichkeitsrate u.s.w. Die Folgen werden leider noch auf lange Zeit bestehen bleiben. Ein Tschernobyl 2.0 oder eben auch ein Aralsee 1.0.

IMG_2059 IMG_2045

official LOGO

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber dann doch noch:
In Kasachstan wurde unterdessen mit internationaler Hilfe der Weltbank der Kokaral-Damm im Norden des „Gewässers“ errichtet. Die weitere Auszehrung konnte in einem kleinen Bereich somit weitgehend gestoppt werden. („mittlere Zehen der Tatze“) Ein kleines lokal abgegrenztes Ökosystem kann sich langsam erholen. Das Klima stabilisiert sich begrenzt.
Die usbekische Regierung findet diesen Fortschritt jedoch als „egoistisch“, da es nur Kasachstan etwas nütze, das Wasser mit Hilfe des Damms aufzufangen und im südlichen Teil in Usbekistan davon nichts ankommt (mit oder ohne Damm). Das Tauziehen der Regierungen um wertvolles Wasser geht weiter. Die Auswirkungen des Desasters sind politisiert und endlich jedem bewusst. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

IMG_2054 IMG_2049

Advertisements

Über amadiscovers

Danke für das Interesse meiner Berichte. Für Fragen stehe ich jederzeit zur Verfügung :-)

Veröffentlicht am 21. Juni 2015 in Aralsee und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: